23% Auslastung entscheiden, ob Ganzjahrestourismus sich rechnet – oder Hoteliers draufzahlen

Gerade wird wieder viel über Ganzjahrestourismus gesprochen. Vision T, die neue Tourismusstrategie Österreichs, drängt auf mehr Öffnungstage außerhalb der Spitzenzeiten, mehr Beschäftigung, mehr Wertschöpfung im Jahresverlauf. Klingt gut. Klingt nach der logischen Antwort auf Saisonabhängigkeit.

Nur: Zwischen „mehr öffnen“ und „mehr verdienen“ liegt eine Rechnung, die besonderer Betrachtung verdient. Ab wie viel Prozent Auslastung hört die Zwischensaison – oder neuerdings „deep season“ – auf, ein Draufzahlgeschäft zu sein? Genau diese Frage haben wir durchgerechnet.

Die Aussage, die uns hängen geblieben ist

Thomas Reisenzahn hat auf tp-blog.at eine Analyse von Vision T veröffentlicht, die uns aus der Seele spricht. Seine Aussage: Ganzjahrestourismus ist kein Selbstzweck. Zusätzliche Öffnungstage bedeuten zusätzliche Kosten, für Mitarbeiter, Energie, Infrastruktur. Wenn Nachfrage, Preisniveau und Produktivität nicht mitwachsen, wird aus der guten Absicht eine Ergebnisbelastung.“

Diese Frage nach der Produktivität bleibt oft unbeachtet. Sie lässt sich nämlich nicht mit gutem Willen beantworten, nur mit einer Kalkulation.

Vom Bauchgefühl zur Kalkulation

Für die Hotellerie wäre das ein Hebel, saisonale Schließzeiten wirtschaftlich neu zu bewerten. Grund genug, dass wir eine rechnerische Diskussionsanlage geschaffen haben, die zeigt, was eine Umsetzung für ein durchschnittliches 60-Zimer-Haus konkret bedeuten würde. 

Das Rechenbeispiel: 120 Betten, 12 zusätzliche Wochen

Nehmen wir ein 4-Sterne-Hotel, normaler Netto-Logis-Preis/Person 130 €.

Aktuell: 6 Wochen im Frühjahr und 6 Wochen im Herbst geschlossen. Was passiert, wenn dieses Haus die zwölf Wochen öffnet, allerdings zu einem realistischeren Zwischensaison-Preis von 105 €/Person?

Bei den Mitarbeiterkosten haben wir nicht pauschal gerechnet. Von den üblichen 45 Vollzeitäquivalenten wechseln 40 Prozent ohnehin fluktuationsbedingt jede Saison, das ist – so sagt man – branchenüblich. 8 Mitarbeiter, etwa Geschäftsführung, Marketing, Haustechnik oder Küchenchef, sind bereits ganzjährig beschäftigt und für diese Rechnung nicht zusätzlich zu berücksichtigen. Übrig bleiben jene Mitarbeiterkosten, die durch die Öffnung tatsächlich neu entstehen.

Rechenbeispiel: 4*Hotel Muster
120 Betten, Netto-Logis-Preis/Person (RevPOB) regulär 130 €, 6+6 Wochen Zwischensaison
Kennzahl Break-even
Auslastung ca. 23%
Realistisch
Auslastung 25%
Netto-Logis-Preis Zwischensaison 105 € 105 €
Zusätzliche Öffnungstage 84 Tage 84 Tage
Zusätzliche Bettennächte 2.286 2.520
Logiserlös 240.080 € 264.600 €
HP- & Getränke-Erlös 137.189 € 151.200 €
Gesamterlös 377.268 € 415.800 €
Wareneinsatz Speisen & Getränke -43.443 € -47.880 €
Deckungsbeitrag I 333.825 € 367.920 €
Mitarbeiterkosten (variabel, bereinigt um Fluktuation & Ganzjahres-Mitarbeiter) -219.230 € -219.230 €
Mitarbeiterbezogene Kosten -62.308 € -62.308 €
Deckungsbeitrag II 52.286 € 86.382 €
Energiekosten (variabler Anteil) -2.286 € -2.520 €
Produktentwicklung und Vertriebskosten der neuen Saisonen -50.000 € -50.000 €
Deckungsbeitrag zum Decken der Fixkosten 0 € 33.862 €
Annahmen: 45 Vollzeitäquivalente regulär, 40% davon saisonal fluktuationsbedingt. 8 Mitarbeiter ganzjährig beschäftigt (nicht variabel). HP-Splitting 50 € netto, Getränke 10 € je Gast.

Was diese Zahlen wirklich sagen

Bei rund 23% Auslastung, also durchgehend 14 belegten Zimmern, ist die Öffnung kostendeckend, für alle variablen Kosten inklusive der berichtigten Mitarbeiterkosten. Nicht mehr, nicht weniger. Wer diese Marke unterschreitet, zahlt für jede zusätzliche Öffnungswoche drauf.

Bei 25% Auslastung sieht es anders aus: Rund 34.000 € bleiben übrig, um bestehende Fixkosten zu decken. Das ist kein Vermögen. Aber es ist der Unterschied zwischen einer neuen Saison, die sich lohnt, und einer, die nur Mitarbeiter bindet.

Was das für Hoteliers bedeutet

Jedes Haus hat andere Fixkosten, andere Fluktuationsraten, andere Marktpreise in den neuen Saisonen, andere Umbaupläne. Die 23-Prozent-Marke aus unserem Beispiel ist kein Universalwert, die für jeden Betrieb gilt.

Vision T kann die Richtung vorgeben. Ob sich die Öffnung tatsächlich rechnet, kann nur die Kalkulation im eigenen Haus ergeben.